DER LÜGNER

Mit seinen zahlreichen Veröffentlichungen seit 1993 gehört Sascha Rossier alias Lügner zu den Pionieren der Zürcher Rapszene. Daneben förderte er vielen Schweizer Rapkünstler (Bligg, Sektion Kuchikäschtli, Rokator, Stern Eis, Gleiszwei), die in Lügners Tonstudio zum ersten Mal auf Band aufgezeichnet wurden. Als Redaktor/Moderator/Layouter bei Schweizer Radio und Fernsehen SRF, Autor von Producer-Foren sowie Wort-, Bild und Klangtüftler unterstützt das Zürcher Multitalent Anfänger und Fortgeschrittene gleichermassen mit seiner Erfahrung als Künstler und Ausbildung als Tonmeister. Mit seinen eigenen Werken als Mitglied der Zürcher Rapformation «Paar@Ohrä» (paar at ohrä: Ein paar an die Ohren) wurde er von der Neuen Zürcher Zeitung als Enkel der Zürcher Dadaismus-Tradition gefeiert: «Es sind vor allem die verschlungenen, wortspielreichen Texte, mit denen paar@ohrä die Dada-Tradition Zürichs wiederaufleben lassen und den gängigen Hip-Hop-Hörgewohnheiten eins auswischen» (NZZ, 10. Januar 2001).

Schon fast hatte man geglaubt, Schweizer Rap habe nun endlich die klinische Machart sowie das einfältige Textniveau seines amerikanischen Vorbilds erreicht und deren bekannteste Exponenten wie etwa Bligg oder Sektion Kuchikäschtli könnten sich wieder der Sukkulentenzucht oder dem selbstgegründeten Manicure-Studio widmen, weil es nichts mehr zu erobern oder zu besiegen gibt, da meldet sich einer zurück, den alle nur schon darum so verabscheut haben, weil er die hohe Kunst beherrscht, seine gepeinigten Mitmenschen mit undurchsichtigen, ellenlangen und überdies nichtssagenden Schachtelsätzen in den Wahnsinn zu treiben. Lügner nennt sich der evolutionäre Ausrutscher in schmeichelhafter und massloser Untertreibung und konnte sich bisher zur Freude aller hinter seinem Co-Rapper Tiisär und seinem DJ Ruedi verstecken, um wenigstens nur als lästiges Anhängsel der Zürcher Rap-Formation paar@ohrä geduldet zu werden. Zu ungebildet, um nur schon das Wort Reim richtig zu buchstabieren aber dennoch dreist genug, dieser Tage sein Solo-Debut in Form eines 16 Track dicken Albums zu veröffentlichen. Auf die Frage was es wohl mit dem allseits sofort verständlichen Titel «Kukelikki» auf sich habe, antwortet der 30jährige Fettwanzt schnoddrig: «Gut, dass wir darüber geredet haben». Das Album indes birgt noch etwa so viele Rätsel, wie Textzeilen vorhanden sind und zum Schluss wird einem nichts klar. Auf schier beklemmende Weise beschleicht den Hörer beim Abspielen der Platte das ungute Gefühl gerade etwas Verbotenes zu tun und ab und an unterliegt man in einer Kurzschlussreaktion dem Drang die Lautsprecher zu schmucken Früchteschalen umzufunktionieren. Musikalisch bietet diese klägliche CD ungeniessbare, eckige Beats zwischen gesampeltem Brockenhausbedarf und digitalen Wegwerfinstrumenten aus der Tischbombe vom vorletztem Sylvester. Ganz zu schweigen von den Texten, die so ganz anders klingen; etwa wie die Gebrauchsanweisung eines solarbetriebenen Staubsaugers oder die letzten Worte eines Nasa-Astronauten vor dem Verglühen beim Wiedereintritt in die Erdatmosphäre. Kurz: Die LP «Kukelikki» des paar@ohrä-Mitglieds Lügner sollte man unbedingt kaufen bevor die Mein-Schwanz-ist-länger-als-deiner-Fraktion wieder die Macht über unseren Planeten an sich reissen kann. Dann darf man sich gelassen im nächsten Luftschutzkeller einschliessen und mit einem Lächeln des Wahnsinns auf den Lippen in aller Ruhe verblöden.

Portrait von Lügner im Germanistikmagazin «Denkbilder» der  Universität Zürich

kukelikki_am_radio_v2 Diverse Radioberichte über Lügner
schnabelweid Dr. Martin Schäfer, Black Music Experte und Dozent an der Uni Basel, über Lügners Album «Kukelikki»

4 Comments
  1. Lieber Lü
    lange nichts mehr gelesen von Dir auf FB, dachte ich kürzlich. Und vergass die Sache wieder. Und dann wieder gedacht – und wieder vergessen. Und das ganze noch ein- zweimal.

    Und nun also sleepless endlich 1 Herz gefasst und nachgeschaut: no friend, no FB-Seite, no nothing.

    Nun würde mich wunder nehmen: Hast Du Dein FB-Profil wegen a) der NSA b) der Werbung c) weil FB “nicht mehr angesagt” ist d) wegen Twitter gelöscht oder weil e) “will mehr Zeit für die Familie haben” f) weiss nicht g) keine Antwort aufgegeben?

    Oder hhh) um zu sehen, wie lange es geht, “bis ich vermisst” werde?

    Was hiermit geschehen ist.

    Mit herzlichem Gruss aus Marina di Ragusa (mmmh)
    Thomas
    der KapitänUndeGeutsNeusdännhebDirsorggäll.

  2. Hej Capitano
    He he he … ist zwar schön, vermisst zu werden … und wegen genau so herzlichen Messages aus weiter Ferne tut es mir auch ein ganz wenig Leid, dass ich mein FB-Account gekillt habe. Auch zu der neuen Social-Media Avant-Garde zu gehören fläsht schon ein bisschen. Offline ist das neue Online *AffektiertAbgespreizterKleinerFinger*. Aber ganz ehrlich: Ich habe einfach einige lästige und unnötige Zeitfresser eliminiert. Da war FB ganz oben auf der Liste. Sollen andere das Monster füttern. Und wie man sieht finden wir auch ohne FB einen Weg in Verbindung zu bleiben. Ich hoffe, Du hebst bald Deinen ersten Piratenschatz. Heb Sorg. ü.

  3. Danke Sascha!!! es ish ois e riese ehr und mir sind stolz wie sau!!!! 1Liebi (

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